Strandatlas

Magazin · Momentaufnahme

Mallorca im Mai

Die Insel atmet durch, bevor der Sommer kommt: warme, lange Tage ohne Hitze, eine Tramuntana auf ihrem grünen Höhepunkt, stille Buchten und ein noch frisches Meer.

Magazin·Mallorca im Mai

Es gibt einen Moment im Frühjahr, in dem Mallorca tief durchatmet, bevor der Sommer kommt. Der Mai ist dieser Moment: Die Insel ist erwacht, aber noch nicht überlaufen, die Tage sind lang und hell, und über allem liegt jenes klare mediterrane Licht, für das man wiederkommt.

Es ist ein Zwischenmonat — und gerade darin liegt sein Reiz. Die Berge stehen grün vom Winterregen, die Mandelblüte ist längst vorüber, dafür blühen Mohn und wilde Kräuter an den Wegrändern. Das Meer ist noch frisch, die Strandklubs laufen erst an, und die großen Menschenmengen des Hochsommers sind noch fern.

Diese Momentaufnahme hält den Mai fest, wie er sich auf Mallorca anfühlt — vom grünen Rückgrat der Tramuntana bis zu den stillen Buchten — und zeigt, wo man mitten darin wohnen kann.

Ein Monat zwischen den Zeiten

Der Mai bringt warmes, aber kein heißes Wetter: sonnige, lange Tage, an denen ein T-Shirt reicht, und Abende, die am Meer und in den Bergen empfindlich kühler werden — eine leichte Jacke gehört ins Gepäck. Die brüllende Hitze des Hochsommers bleibt aus, was den Monat zum idealen Fenster fürs Erkunden macht.

Ganz verlässlich ist das Frühjahr noch nicht. Der frühe Mai kann eine Spur feuchter sein, mit kurzen Schauern, die rasch durchziehen; gegen Monatsende wird das Wetter stabiler und sonniger. Es sind die Tage, an denen man morgens wandert und nachmittags im Café in der Sonne sitzt, ohne sich für eines entscheiden zu müssen.

Vor allem aber ist der Mai hell. Mallorca gilt als eine der sonnenreichsten Ecken Spaniens, und im späten Frühjahr stehen die Tage schon lang: viel Zeit für Wege, Buchten und lange Abende, ehe das Licht spät und golden über der Tramuntana versinkt.

Die Felsbuchten der Tramuntana: im Mai noch still, das Wasser klar und frisch, das Licht scharf wie selten im Jahr.

Die grüne Tramuntana

Wer Mallorca nur als Strandinsel kennt, lernt im Mai eine andere Insel kennen. Die Serra de Tramuntana, das UNESCO-gekrönte Gebirge an der Nordwestküste, steht jetzt auf ihrem grünen Höhepunkt: Vom Winterregen gespeiste Bäche rauschen durch die Schluchten, die Terrassenhänge leuchten, und die Sicht reicht an klaren Tagen weit übers Meer.

Es ist die beste Wanderzeit des Jahres. Der GR221, die „Ruta de Pedra en Sec“ auf alten Trockenmauer- und Maultierpfaden, lässt sich jetzt gehen, ohne in der Sommerhitze zu schmelzen; dazu unzählige kürzere Wege zwischen Olivenhainen, Steineichen und Klippen. Auch die Radprofis sind im Mai auf der Insel — die kurvigen Pässe der Tramuntana gehören in diesen Wochen zu den schönsten Trainingsstrecken Europas.

Dazwischen liegen die Bergdörfer, die den Charakter der Küste vergessen machen: Sóller im „Goldenen Tal“ voller Orangenhaine, das an seine Klippen geschmiegte Deià, das herrschaftliche Valldemossa. Ein ehrliches Wort: Nach Regentagen können die Pfade früh im Monat matschig sein — ein Blick auf die Wegeauskünfte vor der Tour lohnt sich.

Selbst die Anreise ins Gebirge wird zum Erlebnis: Von Palma fährt der „Rote Blitz“, eine historische Schmalspurbahn, hinauf nach Sóller, von wo eine alte Straßenbahn zum Hafen hinunterrumpelt. Wer mit dem Auto unterwegs ist, nimmt die Panoramastraßen über die Pässe — vorbei an Stauseen, Steineichen und der schroffen Felskulisse des Cavall Bernat — bis hinaus zum Cap de Formentor, wo die Insel in steilen Klippen endet.

Leere Buchten, kühles Wasser

An der Küste zeigt der Mai sein Doppelgesicht. Die Calas liegen noch ruhig, viele fast für sich allein, ehe der Sommer sie füllt — honiggelbe Klippen, Pinien bis ans Wasser, jenes leuchtende Türkis in den geschützten Buchten. Es ist die Zeit, in der man eine Bucht noch findet, statt sie zu teilen.

Nur das Wasser braucht Mut. Das Meer erwärmt sich erst langsam, und im Mai ist es noch frisch — die ersten richtigen Schwimmer des Jahres gehen hinein, während andere es beim Hineinwaten belassen. Zum Paddeln, Kajakfahren oder für eine Bootstour entlang der Steilküste aber ist die See jetzt ruhig und ideal.

Wer baden will, findet im Süden und Osten die sonnigsten, sanftesten Strände, während die wilden Felsbuchten der Tramuntana fürs Schauen und Wandern da sind. Über allem das klare Frühjahrslicht, das die Farben des Wassers schärft, als hätte jemand den Kontrast hochgedreht.

Wo genau, ist Geschmackssache: Im Norden locken die klaren Buchten der Halbinsel Formentor, im Südosten die honigfarbenen Klippen um Santanyí und Cala d'Or, und überall in der Tramuntana liegen kleine Felscalas, die man sich zu Fuß verdient. Vieles davon ist wild und ohne Strandbar — wer hingeht, bringt Wasser, einen Hut und am besten riffschonende Sonnencreme mit und nimmt seinen Abfall wieder mit.

Eine geschützte Cala im Frühlingslicht — im Mai gehören die Buchten oft noch einem allein.

Auf zwei Rädern und übers Wasser

Kein Monat gehört dem Rad so wie der Mai. Mallorca ist eine der großen Radinseln Europas, und im Frühjahr ist die Saison auf ihrem Höhepunkt: Profiteams trainieren auf der Insel, Hobbyfahrer ziehen über die kurvigen Pässe der Tramuntana, und die berüchtigte Serpentinenstraße hinab nach Sa Calobra — Kehre um Kehre bis ans Meer — ist bei kühlerem Wetter eine Wucht statt einer Qual.

Auch vom Wasser aus zeigt sich die Küste jetzt von ihrer schönsten Seite. Die See liegt ruhig, die Boote fahren wieder, und eine Tour entlang der Steilküste — zu den nur per Boot oder Maultierpfad erreichbaren Buchten, hinaus zum geschützten Inselchen-Archipel von Cabrera — gehört zu den lohnendsten Dingen, die der Mai bereithält.

Und weil noch Schultersaison ist, fügt sich all das ohne Drängeln: Zimmer sind verfügbar, die Preise milder als im Hochsommer, die Restaurants offen, aber nicht ausgebucht. Man bekommt die Insel in ihrer besten Form, ohne sie mit allen teilen zu müssen. Wer kann, bucht dennoch früh: Die schönsten Häuser sind auch im Mai gefragt, gerade rund um die langen Wochenenden und das Inselfest in Sóller.

Palma, Sóller und das Inselleben

Auch die Orte sind im Mai in ihrem besten Zustand: wach, aber nicht überrannt. Palma lässt sich tagsüber in Ruhe erlaufen — die Kathedrale, die Gassen, die Märkte —, ohne die drückende Hitze und das Gedränge des Hochsommers; nachmittags sucht man den Schatten und lässt es langsam angehen.

Und der Mai hat sein großes Fest: das „Es Firó“ in Sóller, am Montag nach dem zweiten Sonntag im Monat. Dann stellt das Tal die historische Schlacht zwischen Mauren und Christen nach — mit Umzügen, Märkten, Schwarzpulver und viel Lärm. Es ist laut, voll und herzlich zugleich, das authentischste Stück Mai, das die Insel zu bieten hat.

Abseits davon schlägt das Inselleben seinen Frühlingstakt: offene Restaurants ohne Wartezeit, Wochenmärkte in den Dörfern, lange Abende auf der Terrasse. Man spürt, dass die Saison beginnt — und genießt sie, bevor sie sich füllt.

Warum gerade der Mai

Der Mai ist auf Mallorca der Monat der Balance: warm genug für draußen, kühl genug fürs Gehen, hell und lang, aber noch ruhig und günstiger als im Hochsommer. Es ist die Zeit für alle, die die Insel in Bewegung erleben wollen — wandernd, radelnd, von Bucht zu Bucht —, statt nur am Strand zu liegen.

Die ehrliche Kehrseite gehört dazu: Das Meer ist noch frisch, nicht jeder Strandklub läuft schon auf vollen Touren, und der frühe Mai kann einen Regentag mitbringen. Wer ein reines Badeprogramm im warmen Wasser sucht, ist später im Jahr besser aufgehoben.

Für alle anderen aber trifft der Mai einen seltenen Punkt: die grüne, blühende Insel im klaren Licht, kurz bevor der Sommer kommt — und mit ihm die Hitze und die Menge.

Kurz gesagt

Mallorca im Mai heißt: warme, lange Tage ohne Sommerhitze, eine Tramuntana auf ihrem grünen Höhepunkt, stille Buchten und ein noch frisches Meer. Es ist die beste Zeit zum Wandern und Radeln, die Orte sind wach, aber nicht überrannt, und das Licht ist klar wie selten.

Wer baden und im warmen Wasser liegen will, kommt besser später; wer die Insel in ihrer grünen, ruhigen Frühform erleben möchte, kaum je besser als jetzt — wenn die Tramuntana grünt, die Buchten noch leer sind und das Licht über dem Meer schon nach Sommer schmeckt.